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Innenseite der Stille

Innenseite der Stille.
Beide Seiten offen und leer.

Wenn die Nebel sich klären,
siehst du nach innen nur weiten Raum
(wo es wogte,
wo Winde ihr Spiel mit den Schleiern trieben);
nach außen gewendet siehst du
bunte Dinge erscheinen,
die sind wie du selbst,
manchmal im Takt,
manchmal gegen den Takt
deines Herzens.

Wenn du die Augen schließt,
sind Außen und Innen eines geworden,
wenn du sie öffnest;
und dein Atem strömt frei,
und du lebst.

 

 

Dunkler Mohn

Die vielen Blätter auf dem Weg,
unter den Schritten totes Leben,
das wird sich nun der Erde geben,
und über ihm ist es so reg.

So reg, so starr im milden Wind,
der Falter ruckt müd mit dem Fühler,
was Blut ist, läuft ein wenig kühler
und dunkler, und Liebende sind

nun enger noch. Und wenn sie tanzen
noch enger, und ganz eng im Traum,
in einer Festung zwischen Schanzen

vergessen sie, den andern kaum
zwischen den Lidern, und ein Ton
ist nun die Welt, und dunkler Mohn.

 

 

Die Tänzerin

Im Dämmerlicht die Tänzerin:
Sieht sie die Blumen in der Mitte,
die Lichter, Bänder? Ihre Schritte
sind wie versunken – doch wohin?

Es ist ein Lächeln in dem Raum,
wie schwerelos. Den Atem teilen,
die Splitter in dem einen heilen:
Vielleicht ... Die Schritte sind ein Traum.

Wo ist sie jetzt? Das Licht der Flammen
klingt immer einfach nur zusammen.
Ist sie bei ihm? Ist sie bei sich?

Parkett ist Gras, und diese Helle
ist Glitzern auf der dunklen Quelle.
Sie tanzt dort einfach, nur für sich.

 

 

Die einfachen Worte ...

Die einfachen Worte verbinden:
das – Holz – der – Stein – die – See.
Du mußt nicht immer andere finden,
es ist in Licht, in Weiß und Schnee

schon eins und alles; du sollst reden
von Rose, Feder, Blut, Gebein.
Der dunkle Strom geht noch durch jeden
und lässt ihn in der Wahrheit sein.

Den Bund zu leben mit den Fischen,
den Vögeln, Menschen, mit dem Rau
der Weidenrinde dort am Bach,

sollst du die Worte nicht verwischen,
sprich sie hinein in dieses Blau
und lausch ihnen noch etwas nach.

 

 

Das Einhorn

Knochen im Fels bezeugen
uns Leben und Urgestein.
Wenn Menschen Blicke beugen,
dann vor der Zeit allein.

Und doch ists dem Sichren entstiegen.
Dort steht es, schüttelt das Haupt.
Vor dem Stein will es liegen,
wo es die Rosen glaubt.

 

 

Venedig

Versunken träumen Gondeln im Schlick,
tief unter unseren Spiegelbildern verloren.
Da muß eine Flotte sein.
Gebäude, dicht, alt, aufgeschüttet die Insel.
Die wenigen Bäume tragen Knospen.
Die Menschen darunter im leichten Schritt,
es ist Vorfrühling. Die Tassen sind rund
in dieser Stadt der Kanäle und Gässchen.
Die Männer wissen um das Geheimnis der Augen.
Er hätte uns abgeschleppt, gleich am ersten Tag.
Aber uns beide? Die vielen Cafees.
Der Cappuccino heißt wie zu Hause.
Oben die Gondeln sind einheitlich schön,
das Band um den Strohhut ist immer da,
es wird musiziert. Wir stehen und staunen,
wir gehen umher durch die Gassen,
wo nur die Schritte laut sind, und Stimmen,
von der ewigen Sonne im Schatten.

Die Worte sind immer gleich sinnlos,
es ist nur diese Luft, die uns atmet,
es ist nur das Licht und der Wind,
es ist nur diese Leichtigkeit, die uns trägt.

 

 

Lascaux

Und Bilder, aus so lang vergangnen Tagen,
an Höhlenwänden schau dort auf die Sagen
vom Pferd, vom Rind, vom Horn, in sich geschlossen,
wie Wasser sich im stillen Kreis ergossen,
nie übern Rand der Welt hinausgeflossen.

Nur Bilder, auf dem Fels, den Rest von Leben,
den siehst du an, und hörst Gedanken weben,
den weiten Weg verfolgen, von den Bärenfellen
ins Modejahr, auf immer neuen Wellen,
ins Jahr geschützter Pflanzen, Völker, Tiere,
ins Jahr umschmeichelter, umsorgter Giere,
halb sorgend, hoffend, dass er sich verliere,

der Weg, vom Märchen in die Bomberschwärme
des Guten, auf der Suche nach der Wärme,
die doch im Kreis nur sein kann, und im Kleinen.
Da steht es klar beschrieben auf den Steinen.
Und weiß sich nicht. Du staunst, und möchtest weinen.

 

 

Wahrheit ist ...

Wahrheit ist
der Ton deiner Hand
und des Tisches,
was du auch immer sagst,

wenn du den Schlag
deines Herzens spürst,
wenn deinen Atem du hörst,
wenn du einfach nur lebst.

Vielleicht ist die Lüge selbst wahr,
wie der stockende Atem,
wenn du das Blatt fallen siehst,

im späten Oktober,
einfach zur Erde,
auf nassen Asphalt.

 

 

Dornröschen

Dornröschen steht am Maschinenwebstuhl.
Ihre Hand gleitet über den Stoff.
Wenn sie die Augen schließt,
sieht sie nur Rosen.

Das Klingen der Luft ist wie immer,
der eine Ton, noch darüber,
kommt vom Licht, von den Neonröhren
am nackten Beton.

Das Muster zieht sich endlos.
Die letzte Betriebsversammlung
war heftig und laut.
Die Pausen sind stumm.

Der Prinz sitzt müde am Küchentisch.
Es ist nicht das Bier, es ist
etwas am Weiß dieser Wände.
Das Radio tönt

die letzten Zahlen vom Arbeitsmarkt.
Sein Ross ist in den Ziffern verschwunden,
der Falke verflogen im Grau überm Boden.
Sein Blick schweift hinaus.

Rosen wachsen am Nachbarhaus.
Auf dem Weg liegt die rostige Schere.
Wie schön ein Lächeln immer schon wäre ...
Das Radio ist aus.

 

 

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